Sehnsucht. Das war schon immer ein seltsames Gefühl. Sehr deutlich und gleichzeitig sehr unbestimmt.
Ich überlege dich hin, und trage dich weg.
Du bist wie eine schlecht sitzende Jeans, in die man sich aber im Laden verliebt hat.
Ich habe dich eingekauft und nun, nun liegst du im Schrank und ich probiere dich jeden Tag an, mal am Morgen, mal abends, in der Hoffnung, dass ich irgendwann besser zu dir passe. Doch jedes Mal, ja, jedes verdammte Mal, passt du nicht. Und ich nicht zu dir.
Dass du keine Hose bist, weiß ich. Und trotzdem wird es nicht besser. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Du liegst bei mir, und im Grunde am Herzen. Ich weiß nicht vor. Es gibt kein Zurück. Kein Zurück zu dir, zu mir, zu einem kleinen zarten vergangenen uns. Es macht mir Angst. Eine Angst, die ich nicht kenne, weißt du? Ich kann nicht erklären, wieso ich dich immernoch hier mit mir herumtrage.
Doch eigentlich.
Eigentlich ist es ganz einfach. Ich hänge an dir, wie ein Kaugummi manchmal unter einem Schuh hängt.
Und, wenn ich versuche mich zu lösen, holst du mich durch einen kleinen Satz, eine winzige Frage wieder ins Boot. Das machst du gar nicht mal mit Absicht.
Und so, bin ich auch schon angekommen, bei dem, was ich solang vor mir hergeschoben habe.
Seit Tagen, nein, seit Wochen, nein, eigentlich, seit Anfang an, möchte ich meine eigene Antwort nicht hören und versuche mich in Ausflüchten und Stark sein. Meist gelingt mir das ganz gut, aber du, du machst mich schwach.
Heute konnte ich mich nicht mehr an dein Gesicht erinnern. Ich weiß nicht mehr, wie du aussiehst, wenn du lächelst, ich weiß nicht, was du machst, wenn du böse bist. Deine Augen tanzen durch meinen Kopf, aber ich kann sie nicht greifen. Du gehst.
Und bevor ich anfange, mich noch weiter in mir und meinen Gedanken zu verlieren, einem Gefühl hinterherjagend, dass du mir nicht mehr geben willst, von einem Leben schwärmend, das du nicht führen willst, muss ich aufhören, nach dir zu suchen.
Ich hatte gehofft, du machst es mir einfacher, gerade weil wir alle guten Abgänge geprobt und aufgeführt haben. Das Ende war so perfekt und endgültig, dass ich mich selbst wundere, wieso ich dich nicht vergessen kann.
Aber das Herz tut ja bekanntlich, was es will.
Wir haben wenig, was uns verbindet, die Erinnerungen sind zart und die Gefühle dünn gesponnen. Das kleine Gitter, das du um mein Leben gezogen hast ist fein gewebt und es bedarf wohl nur einem Luftzug, das es in sich zusammen fällt.
Du bist wie ein feiner Lichtstrahl auf der Bettdecke am Morgen. Nichts wahres, und so ungreifbar. Und doch, und doch.
Es tut mir leid, wirklich, es tut mir leid, nicht genug gewesen zu sein.
Und ich weiß nicht, wie man sich in solch einer Situation verhalten muss. Ich weiß nicht, ob dich gehen lassen oder dich zurückholen die bessere Wahl ist. Was davon dich zu mir bringt. Denn eines weiß ich, und das ist es wohl, was ich eigentlich nicht wollte - ich hätte dich gern zurück. Mit Haut und Haaren und allem drum und dran.
Daraus entwächst eine Schwere, die ich nun mit mir herumtrage.
Denn - und das ist mir nun klar geworden - ich ertrage es nicht mehr. Ich ertrage dich nicht mehr in meinem Leben ohne dich wirklich zu sehen, ohne dich anfassen zu können. Und ich ertrage es nicht, zu wissen, dass es andere Mädchen gibt. Ich dachte, ich wär soweit, ich dachte, ich könnte mich für dich freuen, dich abhaken und ablegen. Ich versuche dich ja hinter mir zu lassen.
Aber dann – in einer stillen Stunde weiß ich doch:
Ich habe dich im Gepäck. Und ich kann nichts dagegen tun.
Deswegen werde ich nun anfangen mich zu reparieren. Es tut mir leid.
Du bist ein toller Mann, weißt du das? Ich weiß nicht, ob man dir das einmal gesagt hat. Ich glaube, du hörst oft, dass man dich nicht verstünde, dass du anders wärst und du mit deinen Prinzipien Chancen verpasst.
Was lerne ich aus dir? – Egoismus, Selbstgefälligkeit und Stolz? Lerne ich von dir, wie ich mich abgrenzen kann?
Ist es das?
Bist du nicht Stein, sondern Stock, der mir hilft durchs Leben zu gehen, weil du mich lehrst, Abstand zu gewinnen, nicht so tief einzusteigen – Abschalten? Vergessen?
Jetzt, wo ich mich für einen Lebensweg entscheiden will, merke ich in einem so heiß ersehnten Praktikum, wie wenig Befriedigung er mir gibt. Und dann sehe ich durch das Praktikum, durch dich, wie leicht es Menschen fällt, sich abzugrenzen und Dingen den Rücken zu kehren, objektiver zu sein. Ich sehe, wie wichtig eine Unterscheidung von Herz und Kopf und deren Trennung sein kann. Wie es alles Überleben sichert.
Bist du dafür gekommen?
Du schulst mich.
Sie schulen mich immer. Aber vielleicht bist du der letzte Stein, der gefehlt hat um mich für einen Weg zu entscheiden, für ein Leben, für ein Ich.
Ich glaube, dass meine Sehnsucht nach deiner Hand Bestätigung für dich ist. Und das ist gut, auch du brauchst etwas Bestätigung, wahre und ehrliche. Fühl dich gut dadurch; ich habe so viele Worte damit verbracht, um zu beschreiben, wie viel du für mich bist und das bist du, weil du der bist, der du bist.
Und trotzdem, fehlst du mir, fehlst du mir mit jeder Faser. Und vielleicht ist es das, was mich jede Zelle meines Körpers spüren lässt. Du.
Ich vermisse Sehnsucht ohne Zweifel.
Ich lass dich nicht gern gehen.
In meinem Leben aber ist kein Platz für deinen Pärchenurlaub.