Ein Brief für dich.
Ich habe in der ganzen Zeit nicht einmal an dich geschrieben.
Nicht einmal über dich. Welch wahnwitziges Verlangen hatte ich an dich, wie
unerreichbar meine Forderungen.
Seit Tagen kitzeln die Worte hinter den Fingerspitzen, nein,
eigentlich schon seit Monaten. Doch immer, wenn ich sie herauslasse, scheint
es, als würde ich sie der Wirklichkeit und somit, der Vergänglichkeit
übergeben. Doch nun ist es von ganz allein passiert. Du, wir, das uns, gleitet
mir so rasant aus den Händen, dass sich meine Finger fast überschlagen während
ich an dich denke. Das Du war so groß in meinem Leben, dass ich keine Bewegung
machen kann, ohne dich nicht zu berühren, ohne dich nicht zwischen den Wänden
zu sehen. Wie fest du dich durch meinen Tag ziehst, fiel mir nie deutlicher als
jetzt auf, wo es nicht mehr so ist. Ich greife am Morgen in den Schrank um das
Zahnputzglas herauszunehmen und sehe dich vor mir, sehe die andere Zahnbürste
in ihrer Verpackung noch unbenutzt auf dich warten. Vergebens. Ich entdecke
einen witzigen Augenblick in meinem Tag und vermisse es dir davon zu erzählen.
Die Wege zum Einkaufen werden langweilig und trostlos, weil die Regale voller
Dinge stehen, die ich gern für dich einkaufen würde. Die Einfachheit der Liebe
war mir nie bekannt.
Ich strebte immer nach Perfektion, nach der großartigen,
herzzerreßenden Liebe; nach dem Kampf in hoffnungsloser Sehnsucht. Nur das
kannte ich. Ich kannte kein ruhiges Beieinander sein, kein Glück durch die Nähe
auf einem Sofa, mit vollen Bäuchen aneinandergeschmiegt,, es war immer nur
Anstrengung, sich verbiegen, sich weiter austrecken um dem Anderen gerecht zu
werden. Idealisierung und Angst haben mich oft blind gemacht für die Schönheit
des Normalen. Normal war Abwertung, war weniger als das Perfekte. Sieh, wo es
mich hingeführt hat. Ich bin verworren in eigenem Streben nach 100%. Ich bin
mir selbst nie genug und doch kann ich im Grunde nicht mehr leisten als das,
was ich mache.
Und nun gehe ich wie verirrt durch die Straßen und möchte alle
Gedanken an dich abschütteln. Ich möchte mich an den traurigen Erinnerungen
festhalten um mich in meiner Entscheidung, uns aufzugeben bestätigt zu wissen.
Ich möchte das Schöne wegschieben. Ich hole die Gedanken immer und immer wieder
hervor, breche mir jede Nacht das Herz, nur um nicht durch den Wald zu dir zu
laufen und dich zu küssen. Denn genauso wenig wie ich weniger als Perfekt für
mich zulassen kann, kann ich annehmen nicht richtig zu handeln. Hierbei ist
richtig nicht aber richtig für uns, sondern für dich. Ich habe das innere
Bedürfnis dich in deiner Zukunftsplanung zu unterstützen, dich unbedingt zu
treiben, dir deiner Wünsche und Anforderungen ans Leben bewusst zu werden, weil
und hier ist doch die Krux, ich nicht glauben konnte, das dir ein uns, ein uns
wie es war, genug sein konnte. Nein, du musstest doch mehr wollen, besser
werden, dich steigern, in allem, vor allem herausziehen aus der auswegslosen
Situation in deinem Beruf, dich Freundschaften stellen, dich meiner Krtik aussetzen
und bestehen.
Und dabei habe ich mich vergessen. Ich erwartete einerseits, dass
du mich priorisierst, und habe mich selbst darunter vergessen an erster Stelle
zu setzen; habe vergessen, dich nicht als Individuum, sondern als Teil von mir
zu sehen. Nicht nur ich war Teil deiner Welt, auch du ein Teil von meiner. Es
ist so schwer zu verstehen, wenn sich Geschriebens so abstrakt darstellt, doch
mehr noch als der Wunsch für dein Glück, war der Zweifel, ja gar ein
Unverständnis, ein Nichtsehenwollen eines Lebens, das so wie es war, schon
ziemlich gut war. Ich war und bin es nicht gewohnt auszureichen. Wie also
konnte ich annehmen, dass ein Leben mit mir für dich ausreichend ist? Wie hätte
ich ahnen können, dass ein leiser Zweifel kein Absolut, sondern lediglich ein
kurzes Innehalten, ein Zögern einer menschlichen Regung gleicht, wenn ich
selbst keinem Meter meiner Schritte traue. Wie kann ich ungedrosselte
Unterstützung erwarten, wenn ich selbst im ersten Gang durch mein Leben fahre,
aus Angst, immer bereit stehen zu bleiben und umzudrehen, sollte sich diese
Angst auch nur im Geringsten bestätigen.
Das Schlimme ist aber, dass es nun so kam und einer dieser
Augenblicke mich von meinem Weg abkommen ließ. Einem Stein auf der Straße
gleich, der das Auto an die Seite fahren lässt, unkontrolliert in den Graben
hinein. Und plötzlich war da Stille.
Eine Leere in mir ergriff uns und ließ
mich in Einsamkeit zurück. Du hast alle Ängste und Unsicherheiten bestätigt,
die ich in mir trug. Du drücktest mit nur einem Satz alle wunden Stellen. Und
die Angst trieb mich in die Enge, und so wusste ich es nicht besser, als dich
aus meinem Leben herauszudrängen. Wie konnte ich auch nicht? Ich konnte nicht
gleichzeitig realistisch und stark sein. Es war nur Platz für Angst und
Unsicherheit. Elende Gespräche mit mir selbst ließen mich in ungezähmter
Verwirrtheit zurück. Ich war wie erstarrt. Ich war in unserer Liebe erstarrt.
Damals habe ich den Kampf aufgegeben, habe mich meinem
vermeintlichen Schicksal gebeugt.
Doch nie zuvor, nie habe ich meine Zukunft so genau vor mir
gesehen, wie mit dir. Ich habe in mir all die Momente, die noch vor
uns liegen und ich zerbreche an der Vorstellung, diese Augenblicke nicht
erleben zu können. Ich hatte nie den Mann vor Augen, der mit mir durchs Leben
läuft, habe mich immer vor den Tiefen gefürchtet, und erst mit dir an Höhen
geglaubt. Ich bin bereit all diese Gedanken gehen zu lassen, dich gehen zu
lassen. Du hast nie Bedingungen gestellt, hast mich immer
genommen, wie ich in den Tag gekommen bin und ich habe dir stets genügt, war
die immer eine gute Freundin. Ich war genug.
Und war es mir selbst nie.Und bin es auch nicht. Und will es - vielleicht - auch nicht.
Die Tage vergehen und höre die Stunden an mir vorüber ticken,
ohne dass ich etwas Sinnvolles tue. Ich vergrabe mich in Bildung, blinde
Verpflichtungen und bin doch nicht ich. Gesundheit und Auswegslosigkeit zwingt
mich zur Pause, zwingt mich zum Nachdenken.
Und so war es, dass ich kaum mehr Augen und Ohren für die guten
Dinge hatte, Negativität und Rastlosigkeit zogen ein, Ich versuchte mich zu
zerstreuen und schubbste dich aus meinem Leben. Arbeiten wurde zum so bekannten
Versteck, war Rückzugsort und Konstante in all dieser wackligen Liebelei.
Hätte ich mich anders verhalten können ? Nein, denn in die
Enge getrieben konnte ich nur erstarren. Ich konnte und kann mich nicht im
Spiegel betrachten, wie könnte ich diesem ewigen
Hin und Her entkommen, wenn nicht weggehen, dich gehen lassen, dich verzweifeln
lassen an meiner Mauer. Nicht nur du hast diesen Schutzwall, auch ich. Doch all
die Zeit haben wir uns immer um dich gekümmert, haben deine Gedanken und
Regungen bewertet und dich aus deiner Einsamkeit geholt und mich manches Mal
dabei vergessen. Das
einzugestehen tut weh. Es tut so weh Fehler zu machen, weil – und so scheint es
wohl – meine Fehler doch stets schwerer wiegen als die der anderen. Vielleicht
weil ich sie mir am Ende nicht so verzeihen kann, wie ich es bei anderen versuche.
Ich erwarte keine Absolution von mir selbst und stelle sie
anderen doch allzuoft zur Verfügung. Ich nehme menschliche Verfehlungen hin und
kann mir selbst nicht Normalität zugestehen. Ich habe wieder einmal das Zetrum
meines eigenen Leids berührt und bin eingeschrumpft, habe mich gar
verschlossen, aus Angst vor weiteren Schmerzen. Doch ich muss mich öffnen
für die guten Dinge, für die Entwicklung zu einem neuen, besseren Ich. Ich kann
mich nicht mehr hinter alten Wunden verstecken, es wird Zeit diese
abzuschütteln und es so zu nehmen wie es ist. Ich möchte mich nicht selbst
begrenzen, mich ermahnen und zügeln vor der Freude, die auf mich, auf uns hätte
warten können. Doch immer dann, wenn man
einen Zeh, selbst den kleinsten nur, über diese dünne, unsichtbare Line
führt, zögernd und ängstlich, doch, wenn man es tut, wenn man diesen
winzigen Zeh über diese Linie bringt, ist alles vorbei und man kommt nicht mehr
zurück. Man gibt sich hin, nicht ganz und doch, genug um strudelartig ins
Verderben zu fallen. Immer wieder. Ganz gleich, wie sehr man versucht diesen
Moment hinauszuzögern, ganz gleich, wie lang man die Hosen probiert, sie zwischen
den Händen hn und her wiegt, irgendwann, kommt man dieser Linie so nah, dass
die Versuchung, der Wunsch so groß wird, das man sich doch herantastet, allen
Warnungen zum Trotz, allen Erfahrungen zum Trotz. Zum Trotz.
Ist es Trotz? Oder ist es Hoffnung? Ist der erneute Versuch unbeschadet hinter diese Linie zu kommen, die Unterschrift der Hoffnung? Treibt uns die Qual der Vergangenheit oder die Hoffnung auf das zukünftige Gute? Was sollte uns treiben? Angst oder Zuversicht? Wer ist der bessere Guide durch diesen undurchdringbaren Irrgarten?
Ist es Trotz? Oder ist es Hoffnung? Ist der erneute Versuch unbeschadet hinter diese Linie zu kommen, die Unterschrift der Hoffnung? Treibt uns die Qual der Vergangenheit oder die Hoffnung auf das zukünftige Gute? Was sollte uns treiben? Angst oder Zuversicht? Wer ist der bessere Guide durch diesen undurchdringbaren Irrgarten?
Ich schreibe für uns und auch für mich. Einander zu lieben,
heißt manchmal auch sich selbst zu verzeihen. Ich kann nicht vergessen, sieh
nur wie Vergangenheit mich prägt. Wie könnte ich vergessen, was mich zu diesen Worten
und zu diesen neuen Wegen geführt hat? Erinnerungen bauen die Brücken zu neuen
Ufern, also lasse ich ihnen einen Platz auf dem Sofa frei, einen kleinen nur,
doch genug um teilzuhaben an den neuen Gästen im Leben, an den frischen und
zwanglosen Gesprächen, ich halte sie fest, weil sie Begleiter waren und
Richtungen weisen, sie erleuchten manche Stille und geben Augenblicken Gewicht.
Wer wären wir, wenn wir das Vergangene nicht mit in die Gegenwart nähmen?
Ich kann verzeihen, ich muss mir verzeihen, eine wirkliche Liebe gehen gelassen zu haben, aus Angst mir selbst nicht gerecht zu
werden und habe dabei übersehen, schon längst das Beste gefunden zu haben, was
ich finden kann. Ohne, dass es weniger als das Beste ist, was ich erwartete. Dennoch:
Dich zu halten, wäre Rückschritt.
Ich weiß, ich müsste mutiger sein, doch
der Enttäuschung liebstes Kind ist mir diese heimischer als jede Zuversicht.
Ich wünschte, in deinen Worten fände ich nicht so viele Zweifel. Ich würde, ich
hätte, ich wünschte.
Trügerische Worte, trügerisches Herz.
Wie die Worte mich immer ein paar
Augenblicke zu spät zu finden scheinen. Und während mir die Sonne die Sicht
versperrt, schüttelst du alle Berührungen ab und verschwindest in der Ferne.
Ich möchte dich so gern lassen, weil ich weiß, nein, eher, weil ich hoffe, dein
Weg wäre der richtigere für uns, Auch, wenn das bedeutet kein wir mehr zu sein.
So sehr das Herz sich das wünschte. Pläne, Aufgaben, das kann ein Herz nicht
allein, dafür braucht man zwei, die im Gleichschritt schlagen, doch ich weiß
nicht einmal mehr, ob du überhaupt noch gehen möchtet. Und ich, ich könnte
nicht mutiger sein, als heute.
Letztlich schreibe ich für dich. Ich schicke dir diese Worte,
denn Worte, gedruckt, festgehalten auf Papier, in deinen Händen werden dich ein
Leben lang begleiten und wenn ich nicht mehr sein kann, als das, möchte ich der
gute Gedanke sein. Dann möchte ich der Gedanke sein, der dir sagt, dass du
genug warst. Ein Leben, das mir
keine Angst vor Tiefen machte. Ich möchte dir all die wunderbaren Dinge sagen,
weil du wunderbare Worte in deinem Leben brauchst, wenn dich Zweifel und Angst
heimsuchen. Worte, die dir zeigen, dass du nicht allein warst, auch, wenn es
nur ein kurzer Abschnitt war, und wenn es irgendwann wieder Menschen gibt, die
dich ganz erfüllen. Lass mich ein stiller Gedanke sein, der dich unterstützt
und dich leise antreibt, wenn dich Lethargie und Antriebslosigkeit heimsuchen.
Für Mauern hast du keinen Grund, und es tut mir leid und weh, dich mit dieser
bröckligen Masse um dich herum zurückzulassen, so gern ich dir helfen würde,
ist es Zeit für uns beide die Mauern einzureißen und uns für das Gute in
unserem Leben zu öffnen. Öffne dich für das Gute, sei stark und mutig. Sieh
wohin uns Ängste führten.
Dich verloren zu haben ist wohl am Ende der größte Glück. Mein
Herz bleibt bei mir, bereit für neue Lieben.
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