Endloszeiten.
Sich
selber lieben. Sich selber verzeihen.
Das
sind die größten Lernkarten, die man im Leben bekommt.
Lernkarten.
Was sind das? Einem geflügelten Wort gleich schwirrt es seit einigen Wochen durch unsere Tage.
Manchmal
glaube ich, es sind Momente, die uns an den Haaren ziehen, uns zurückhalten,
bis wir mit der Nase ganz dicht an ihnen stehen, ihren Atem in unserem Nacken.
Die Augen starr vor Angst. Sie zeigen uns Sehnsüchte und Fehler, zeigen uns, wo
wir dunkle Räume haben, die wir mit Licht füllen müssen. Es sind Momente voller Zuversicht, in denen wir glauben, das Leben nun endlich verstanden zu haben, um dann doch plötzlich wieder im Dunkeln zu tappen.
Sie sind vielleicht ein wenig wie Malen nach Zahlen, bloß, dass es keine Liste gibt, welche Zahl, welche Farbe ist. Und wir müssen herausfinden, was wohin gehört, wir rätseln herum und drehen und wenden uns im Kreis.
Sie sind vielleicht ein wenig wie Malen nach Zahlen, bloß, dass es keine Liste gibt, welche Zahl, welche Farbe ist. Und wir müssen herausfinden, was wohin gehört, wir rätseln herum und drehen und wenden uns im Kreis.
Lernkarten.
In
meinem Kopf stelle ich mir eine kleine Kiste zur Seite, in die ich all diese
Kärtchen chronologisch einornden kann. Oftmals muss ich eine hinausnehmen, noch
einmal nachlesen. Denn das Leben schenkt uns immer wieder die gleichen
Aufgaben, bis wir die passende Lösung für sie haben. Und manchmal müssen wir
einen Lösungsweg überdenken, die Formel ändern. Und manchmal.
Ich
mag diesen Begriff, Lernkärtchen. Er schafft für mich die Möglichkeit der
Entwicklung, schafft Raum für Neues. Meine größte Angst ist Stillstand. Nicht
Ruhelosigkeit. Ich liebe die Stille, die Ferne, ja auch das Alleinsein. Ein
ewiges den Gedanken nachhängen. Aber Stillstand, nein. Wie oft verschenken wir
Zeit an unnütze Situationen. Wie oft glauben wir, mit den falschen Menschen
Zeit verbracht, bessere Chancen verpasst zu haben. Immer wieder spielen meine
Gedanken um diesen Mann, dem ich meine letzten zwei jahre geschenkt habe und
ich komm nicht umhin mich zu fragen - ... ist die Zeit mit ihm sinnlos gewesen,
habe ich sie verloren?
Ich
versuche mich dann an die guten Momente zu erinnern, an die lauen Sommerabende
auf dem Balkon, an die ruhigen Frühlingstage, Hand in Hand, oder eingewickelt
in die Bettdecke. Ich versuche mir seinen ruhigen Atmen vorzustellen, stets in
der Hoffnung, die Verzweiflung ein wenig weiter weg zu schieben. Das machen
Lernkärtchen aus. In den schimmsten Augenblicken Fortschritt zu sehen,
Entwicklung herauszukitzeln. Sich an die Hoffnung zu hängen, so schwer es auch scheint.
Ich
stehe also vor diesem undurchsichtigen Haufen meiner Zukunft und versuche mich neu zu sortieren.
Dort sind Lebensplanungen verloren gegangen, Träume geplatzt, Pläne nicht
aufgegangen. Wie ordnet man sich da neu, ohne daran zu zerbrechen?
Nach
und nach nehme ich die einzelnen Puzzleteile und setze sie wieder zusammen.
Sich daran zu erinnern, warum man Dinge beendet, woher die Schmerzen kamen, ist
wohl das Schwierigste. Denn allzuoft kommen Gedanken, die einen fragen lassen –
war es nicht doch gut? Hätte es nicht besser werden können, wenn ich der ganzen
Sache noch etwas Zeit gegeben hätte? Wie viel Zeit braucht lebenslang? Und ich weiß ganz tief in mir - Mit ihm
– hat sich lebenslang eher nach lebenslänglich angehört.
Ich
ziehe mir also immer wieder die Gefühle an um weiter zu gehen. Ich lege sie wie einen dicken Schal um den Hals, schnüre mir die Vergangenheit mit Dopppelknoten an die Laufschuhe. Das ist, als
würde man sich das wichtigste im Text mit einem Marker markieren, vielleicht
sogar ein post it an die Ecke. So blättert man voran und wenn man etwas nicht
versteht kehrt man fix zu dieser Stelle zurück, die einem wieder die nötigen
informationen gibt. Man hat den Merksatz wieder vor Augen, doch man blättert
allzuoft und manchmal kommt man auf einer falschen Seite an und muss ein Gefühl wieder
erleben, das zerrt. Es zerrt an den Kräften, an den wenigen Stärken, die man in
seinen Rucksack einpacken konnte. Wenn man weiterziehen will, kann man nicht
einen ganzen Koffer voll Ballast und Proviant mitnehmen. Man nimmt das Nötigste
mit, man zieht die guten Laufschuhe an. Doch wenn man los läuft, weiß man noch
gar nicht, dass es ein Marathon wird. Aber man ahnt, das wird ein Langstreckenlauf
und das Ziel ist weit entfernt. Strauchelt man, oder muss gar ein paar Schritte
zurück, ist die Wegzehrung schnell verbraucht.
Doch
hat man die ersten Etappen erreicht, die Reserven sidn wieder aufgefüllt, kann es
weiter gehen. Die Lernkärtchen wie einen freundlichen, stillen Begeleiter im
Rucksack.
Und
auch, wenn man den Weg nicht kennt. –
man geht weiter, Schritt für Schritt.
Ich
habe wenig Worte über ihn verloren, so viele ich für frührere Lieben hatte, für
ihn gab es nur vereinzelte. War er nicht prägend genug? Nicht tief genug? Ich
kann es nicht sagen. Vielleicht war es zuwenig in meinem Kopf, zu sicher, zu
real. Ich habe wenig hinterfragt, habe gelebt. Sehr geliebt. Vielleicht ist
deswegen die Enttäuschung so groß- mich
selbst so verschätzt zu haben.
Doch
ich nehme das Lernkärtchen, schreibe liebevoll all die Worte auf, die mich an
diese Augenblicke erinnern, die mir helfen sollen, den Weg zu finden und gehe
voran. Schritt für Schritt.
Auch
das vom Leben lernen ist ein endloser Weg. Ob es überhaupt ein Ziel gibt,
glaube ich nicht. Aber es gibt ein – nah dran an deinen Werten, an deinen
Wünschen und Träumen. Und je größer deine Träume sind, umso größer scheinen die
Hürden, umso länger der Weg.
Alles,
was du brauchst sind gute Laufschuhe.
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