Freitag, 30. Dezember 2016

Mr. Burns: "Oh, das kann ne ganze Weile dauern, Smithers. Warum betrinken sie sich nicht und taumeln zu meiner Unterhaltung komisch rum?!"


Ein Wimpernschlag nur, ...

Eine Wimpernschlag nur und deine Arme fühlen sich an, als würde ich nach Hause kommen. Mein Gesicht vergräbt sich vorsichtig an deinem Hals, die Umarmung ist leicht und doch bin ich fortan voller Wärme und Zufriedenheit.
Ich sehe nach langer Zeit in deine Augen, sehe diese ruhigen dunklen Augen, sehe den Witz hinter den Lidern versteckt, erahne einen wartenden Scherz zwischen deinen Lippen, aber du bist freundlich und so zuvorkommend, sodass mich allzuschnell Schüchternheit übermannt. Ach wie so oft, schaffst du mich, mit nur einem Blick.
Ich atme tief durch.
Wieder einmal und doch gleicht es in keinem Schritt dem vergangenen, sitze ich halb euphorisch halb entsetzt in meinem Auto, lasse Felder und Städte, graue Straßen und Bäume hinter mir, erkenne Altes, erahne Neues und vergesse sogleich die vorüberziehenden Namen der Orte auf den großen Schildern. In meinem Kopf kommen vergangene Abende hoch, ich erinnere mich an unsere erste Begegnung, schmunzle. Ich denke an unseren ersten Kuss, aber viel lieber noch denke ich an unser erstes Gespräch und meinen ersten Gedanken über dich - dass du und ich auf dieser Bank irgendwie magisch waren. Die Welt hat sich verändert. Nicht romantisch, oder gar liebevoll. Aber du hast sie schon damals aus den Angeln gehoben.
Kilometer um Kilometer komme ich dieser Idee von kurzweiliger Freiheit und Ruhe näher und mein Herz beginnt wie wild zu schlagen. Wie sehr ich dich und diese so ersehnte Freiheit vermisst habe, merke ich nur langsam, ich bin noch viel zu sehr im Strudel aus Erinnerungen und möglichen Begrüßungsworten. Aufgeregt und doch eigenartig entspannt fahre ich weiter, bis ich endlich abbiege, in deine Straße. Auch hier, irgendwie vertraut und doch neu. Irgendwo hinter all diesen unglaublich hohen Fassaden sitzt du gemütlich auf deinem Bett, die Füße überkreuzt, das Knie leicht wippend.
Wenn ich mir dich vorstelle sehe ich dich so, oder an einer Klippe in die Ferne schauend. Immer lächelnd, immer ein wenig mehr bei dir, ein wenig zufriedener als alle anderen. Aber ich sehe dich auch stets einen Schritt von den anderen entfernt, so nah du ihnen auch bist, so sehr du Gelegenheiten und Gedanken teilst, ganz nah ist niemand.
Ich frage mich kurz, was ich hier mache - ein wenig panisch überlege ich einfach die Straße entalng zu fahren und an ihrem Ende wieder auf die Hauptstraße zurück zu kehren. Umdrehen, zurück zum - Unglück?
Woher kam dieser Ruf, was trieb mich hier her? War es Sehnsucht, oder gar Verlangen? Nach dir? Noch mehr als die Angst vor dem Ungewissen, ist die Angst vorm Zerbrechen. Also fasse ich allen Mut zusammen und steige aus. Das Kleid zerknittert, die Augen müde, ich, nicht minder beunruhigt.

Und dann bin ich so plötzlich bei dir, ist alles ganz entspannt, so richtig. Als wäre es gestern nicht anders gewesen. Als wäre ich im Sommer nicht jeden Abend weinend eingeschlafen, voller Zweifel, voller Sorge. Diese wenigen Stunden, ach was sag ich - Minuten, heilen alles. 

Ein zarter Wimpernschlag, sanft und ganz leicht, bist du, so leicht, dass die Berührung so unwirklich scheint, noch bevor ich sie spürte es schon wieder vorüber ist. 
Wenn ich jetzt an unsere Tage denke sehe ich genau zwei Momente vor mir, vielleicht auch alle anderen, nein ganz bestimmt auch die anderen. Schon während ich von diesen zarten Augenblicken schreiben will, sie herauspicken, sie festhalten, drängen sich ganz einfach all die anderen vor meine Augen. Ich sehe uns herumfahren, ohne Benzin, ich sehe uns laufen, mich mit der Taschenlampe in die Bäume leuchten, ich höre deinen Worten zu von Urlauben und dunklen Abenden in Hängematten. Meine Finger können nicht so viel schreiben und doch - komme ich immer wieder zu diesen zwei Augenblicken zurück. 
Wenn ich also denke, dann sehe ich uns in diesem Zimmer sitzen. Schon als ich ankam, zog es meine Aufmerksamkeit auf sich; die grellen Wände, das Rad aufgehangen wie ein Bild, darunter der alte Schrank mit vielen Büchern und Filmen, ein kleiner Sessel. 
Wir sitzen dort und auf meinen Knien liegt dieses wunderbare Buch, das ich einfach wie ein Andenken an diese Zeit mitnehmen werde, um noch ein wenig mehr Leichtigkeit in meine Welt zurückzutragen, ein Buch voll unglaublicher Geschichten, faszinierenden Orten und voll mit bedingungsloser Liebe. Schon die wenigen Seiten fesseln mich und lassen alles vergessen. Und während ich dort sitze, redest du mit deinem Freund, ihr plant und diskutiert sanft, ich schmunzle erneut, wie eigentlich ständig, wenn ich dir zuhöre, auch, wenn ich es dort eigentlich nicht tue. Und doch erinnere ich mich an jedes Wort, an meine Ideen für euer Rätseln, sehe die Vorstellungen in meinem Kopf. Ach du Kopf. Und während ich dort sitze, lese, ja einfach bin, schaust du mich an und legst ganz selbstverständlich deine Hand auf mein Knie. Diese einfachste Geste, dir nicht bewusst, dir vielleicht sogar egal, ist vollkommenes Glück. Dein Freund fragt, ob ich die Seiten überfliege oder so schnell lese. Ach, lieber Freund, wenn du wüsstest, welche Welten sich hinter meinen Augen schon längst formen, wie viel Freude mir die vorgestellte Fähre macht, voller Kinder, voller Lachen, wie gern ich die Türen des alten Hauses öffnen will, am Tisch mit der rot karierten Decke setzen möchte.
Aber ich bin dort, so unendlich und voller Kraft, dass ich diesen Moment immer wieder Revue passieren lassen, auch jetzt, in den dunklen Stunden, in der Hoffnung in ihm ein wenig Kraft zu finden. Manchmal gelingt es mir, fast. 
Und dann denke ich an den Augenblick als wir im Auto sitzen, auf dem Weg hin und weg vom Strand. Es ist keine richtige Erinnerung, mehr eine Mischung aus diesem Tag. Und es ist vor allem eine der schönsten Erkenntnisse, die ich mit dir gewonnen habe. 
Du weißt nicht, wie viel mir diese Tage bedeutet haben, nicht wahr? Wie kannst du auch, ich sagte es nie, zeigte es nie. Denn jedes Wort wäre falsch, wäre allzu romantisch, allzu dicht. Und dabei ist es das nicht. Ich bin nicht romantisch, wenn ich an dich denke, auch, wenn sich meine Finger gegen diese Sätze wehren und am liebsten hinter all dem Lernen einfach Liebe rufen wollen, ist es doch mehr, viel mehr doch als das. Es ist nicht infantil und lustvoll. Es ist so rein, so in mir, dass ich noch nicht weiß, was es wird, aber ich spüre diese große Entwicklung, und das warst du. Irgendwie. Und ja - schon wieder du. 
Wir sitzen also in diesem Auto, voll mit Rädern und Krümeln, ein bisschen röhrend und alt und so einfach, dass ich seine Einfachheit packen will und sie mir wie einen Schal fest um den Hals legen möchte. Du zeigst auf diesen alten volvo auf der rechten Spur und ich sehe vor mir all die Reisen in solch einem Auto, sehe Kinder und meine Füße vorn auf der Amatur, sehe mich nach hinten beugen, sehe mich Haare streicheln und meine Hand auf dem Fahrerknie. Ich sehe Leben, ich sehe Zukunft. Viel zu lange habe ich mich von Neuen und Sicherem blenden lassen, habe mich in wertigen Autos gesehen ohne zu begreifen, dass das Wertvollste innen sitzt und nur mit mir und meinen Armen beschützt werden muss. Dass Reisen und Weite Wunsch ist und nicht Genügsamkeit. Ich sehne mich nach dunkelgrünen Bäumen, dicken Pullovern und Lagerfeuermomenten. All das sehe ich, wenn ich an dieses Auto denke. Es öffnet dieses Fenster in mir, das so fest verschlossen war, dass seine Scharniere frech knarzen. Aber nun zieht dieser frische Wind durch meine Gedanken und es fühlt sich so gut an. Monatelang hing ich diesem Wunsch nach Familie nach, das ich gar nicht sah, dass er nicht meiner Vorstellung entsprach. Wie befreit ich mich in diesem Moment fühlte. 
Ich konnte mich endlich davon lösen, alles verloren zu haben, als ich merkte, dass das, was ich scheinbar verlor, nicht das war, was ich eigentlich wollte. Wie leicht ich war, wie bei mir. Wie stark ich micht fühlte, meine Idee vom Leben neu entbrennen lassen zu können. Nie fühlte ich mich mehr bei mir als in diesem Augenblick. 
Ich fasste auf dem Rückweg nach deiner Hand auf meinem Bein, und ich würde lügen, nicht wenigestens einen Wimpernschlag nur daran gedacht zu haben, all das mit dir haben zu können. 
Doch natürlich und ach, wie gut der Kopf doch ist, das trügerische Ding, wusste ich nur zu gut, dass nicht ich die war, die du in all deinen Vorstellungen siehst. 
Wir liegen umschlungen im Bett, halb zugedeckt, halb wach, ich atme deinen Geruch, präge mir dein Gesicht ein. Mit dir zu schlafen ist auch hier als würde man ein Fenster öffnen, von dem man nicht wusste, dass es auf zu gehen scheint. Ich weiß nicht, ob es besser war als andere Male, aber es war anders. Sich seiner selbst bewusst zu sein, sich fallen zu lassen und nichts zu erwarten, einfach zu sein. Das machte viel aus. Und so bleiben auch die stürmischen, irgendwie aber doch verschwommenen Momente in Erinnerung, die drehenden Augenblicke, die Weltallbilder, die Schnittchen, die Star Wars Endlossuche und Ingwer. So viel Ingwer. 

Und dann ein Wimpernschlag nur, und alles war wie weggewischt, ein winziges Blinzeln und der Traum löste sich in all seiner Schönheit auf. Ich fuhr davon, die Straße entlang. Deine Umarmung noch spürbar, dein Abschied noch hörbar und in mir das Wissen dich nicht mehr zu sehen, dich nicht mehr zu hören, zu lesen. Dich wieder aus meinem Leben zu lassen. Du Türöffner, du Fensteraufstoßer. Du, irgendwie zur richtigen und ich, doch immer wieder zur falschen Zeit.
Mit all den Lernkärtchen fahre ich nach Hause, zurück in alte Räume. Ich bin die selbe wie vorher, deine Küsse noch auf meiner Haut wie Mahnmale spürbar. Und doch ist alles irgendwie anders, ist verschoben, die Welt, gekippt. 
Ich atme tief ein während die Tage wieder vergehen. Ich lächle, als mich deine Stimme erreicht. Ich mag es dein Schmunzeln zwischen den Worten zu hören und bin ich irgendwie froh, dass ich weiß, dass mit einem lieben Gruß an mich unsere Konversation weiter ging.
Mein Koffer ist so voll gepackt, voller unergründlicher Welten, ein bisschen wie Newt stehe auch ich mit leicht zitternden Knien in einer großen Wartehalle und sehne mich eigentlich nur nach diesem großen Schiff mit dem ich wegfahren kann, mit wemauchimmer an meiner Seite, einen Koffer voller Glück.
Auch, wenn ich weiß, dass es dort irgendwann wieder andere Mädchen geben wird, die für dich mehr als Urlaub bringen. Die in ihrem Gepäck nicht nur Fragen haben, sondern Platz für dich, frage ich mich in schwachen Momenten, ob du überhaupt meinen Koffer tragen könntest. Und schmunzle.


Ein Wimpernschlag nur, mehr bist du nicht, kannst mich nicht halten.

Ein Wimpernschlag nur.



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